Was, wenn es an Tierärzten mangelt?

Was, wenn es an Tierärzten mangelt? 1

Bauernbunddirektor BR Dr. Peter Raggl begrüßt die Novelle zum Tierärztegesetz. Zur Absicherung einer flächendeckenden Tierversorgung müssen jedoch neue Wege in der Tierärzteausbildung beschritten werden.

Tirol gehen die Tierärzte aus. Ausbildungsplätze gibt es nur in Wien, im Durchschnitt kehren pro Jahr nur zwei von sechs Absolvent-Innen aus Tirol nach ihrem Studium in die Heimat zurück. „Tierärzte bilden eine essenzielle Berufsgruppe, die nicht nur die Aufgabe haben, die Leiden und Krankheiten der Tiere zu verhindern, zu lindern oder zu heilen, sondern auch die Menschen vor Gefahr durch von Tieren oder durch Lebensmittel und Erzeugnissen tierischer Herkunft übertragbare Krankheiten zu schützen“, streicht Bauernbunddirektor BR Dr. Peter Raggl die Bedeutung der Tierärzte, besonders für die Landwirtschaft, hervor. „Die Tiermedizin, aber auch das Berufsbild des Tierarztes haben sich in den letzten Jahren rasant weiterentwickelt. War der ausgebildete Tierarzt früher in erster Linie für die Behandlung von Nutztieren im Einsatz, so verlagern sich die Einsatzschwerpunkte in den letzten Jahren immer mehr in die Behandlung von Kleintieren und Pferden oder in die wissenschaftliche Arbeit im Bereich der medizintechnischen und biotechnischen Forschung, in die Pharmaindustrie, die Lebensmittelkontrolle und Hygiene. Das Jobangebot für ausgebildete TierärztInnen hat sich massiv geändert und aufgefächert.“

Beruf unattraktiv für Junge
„Am Beispiel eines kürzlich pensionierten Tierarztes zeigt sich, was den Beruf für Junge eventuell unattraktiv macht: Mehr als 40 Jahre war er vielfach in Einzelpraxen 365 Tage im Jahr rund um die Uhr für die Bauern und ihr Vieh in Bereitschaft – jeden Tag, zu jeder Jahreszeit und bei jeder Witterung. Jeder Arbeitstag hatte weit mehr als zwölf Stunden und nicht selten wurde er zu einem Notfall in der Nacht gerufen. Mit dieser Jobbeschreibung wird man bei der Suche nach einem Nachfolger wohl ohne Erfolg bleiben.“ Gerade heutzutage, wo die Work-Life-Balance bei den jungen Menschen eine immer größere Rolle spielt, seien solche Aussichten reizlos. Raggl sieht die Lösung in einem flexibleren Arbeitsmodell: „Um die tierärztliche Versorgung gerade in ländlichen Gebieten weiterhin sicherzustellen, braucht es neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit von Einzelpraxen, von Großpraxen mit Angestellten und neu in diesem Gesetz geregelt auch den Zusammenschluss von jeglichen Geselllschaftsformen, die im Firmenbuch eingetragen werden können. Diese Zusammenschlüsse führen zu Arbeitsteilung und Abdeckung der Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft. Im Tierarztberuf ist in den letzten Jahren der Frauenanteil massiv angewachsen und macht nun 83 Prozent der Studierenden aus. Auch im Bereich der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie braucht es die mit diesem Gesetz ermöglichten neuen Formen der Zusammenarbeit von Tierärztegemeinschaften.“

Studiengang im Westen nötig
„Trotz dieser Anpassung sehen wir gerade im Westen von Österreich, also in Tirol, Salzburg, Vorarlberg, aber auch in Südtirol einem eklatanten Tierärztemangel entgegen, kombiniert mit dem Problem, dass eine Rundumversorgung mit Nacht- und Wochenenddiensten sowie der Notversorgung bereits jetzt nicht mehr in jeder Region aufrecht erhalten werden kann“, zeigt BR Peter Raggl auf. In Tirol gibt es derzeit drei Tierkliniken, 22 Gemeinschaftspraxen und 91 Einzelpraxen, die aufgrund der anstehenden Pensionierungen jedes Jahr weniger werden. „Jährlich bewerben sich an der VetMed in Wien knapp 1500 BewerberInnen für ca. 250 Ausbildungsplätze. Von 2300 Studierenden kommen 1500 aus Österreich, 700 aus dem EU-Ausland und 100 aus Drittstaaten. Viele der Studierenden aus dem Westen kehren nach dem Studium leider nicht mehr zurück, weil das Jobangebot im Osten wesentlich besser ist. Hier muss man gegensteuern. Ein Lösungsansatz wäre, einen dezentralen Studiengang für Veterinärmedizin im Westen Österreichs anzudenken mit der Zielsetzung einer profunden und sehr praxisnahen Ausbildung unter Einbeziehung der regionalen Tierarztpraxen, um die Absolventen in der Region zu halten“, unterstützt Peter Raggl die diesbezüglichen Überlegungen des Landes Tirol, getragen durch LHStv. Josef Geisler. „Hier steht viel am Spiel. Gibt es keine flächendeckende Tierarztbetreuung, wird das zu vielen Betriebsaufgaben führen mit allen damit verbundenen negativen Auswirkungen auf Eigenversorgung, Bewirtschaftung der Almen und Fluren, Landflucht etc.“