„Neues Miteinander für Stadt und Land nötig“

„Neues Miteinander für Stadt und Land nötig“

„Postcorona – neue Wertschätzung für den ländlichen Raum“ lautete das Thema der vergangenen Enquete des Bundesrates.

Die Veränderungen, die Österreich im Zuge der COVID-19-Pandemie durchmacht, behandelte der Bundesrat in einer Enquete mit dem Titel „Postcorona – neue Wertschätzung für den ländlichen Raum“. In seinen einleitenden Worten meinte Bundesratspräsident Peter Raggl mit Verweis auf diesen Titel, anders als erhofft habe die Pandemie noch kein Ende gefunden. Vor diesem Hintergrund sei es bemerkenswert, wie schnell sich die heimische Wirtschaft in vielen Bereichen wieder erholt habe, nicht zuletzt dank der durch Corona erhöhten Akzeptanz ortsungebundenen Arbeitens. Wie aus diesem Trend eine neue Partnerschaft zwischen Stadt und Land entstehen kann, würde heute erörtert, so Raggl: „Es geht um kein Gegeneinander, es geht mir um einen neues Miteinander.“
In zwei Panels referierten unter anderem Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger, Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck, die Bundesministerin für Umwelt und Verkehr, Leonore Gewessler, und der Generalsekretär des Arbeitsmarktservice Johannes Kopf über Chancen und Herausforderungen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbrüche, vor denen Österreich infolge der Corona-Pandemie steht. Danach folgten die Fraktionsvorsitzenden des Bundesrats mit ihren Statements sowie eine Diskussion mit dem Plenum der Veranstaltung. Unter den TeilnehmerInnen war auch Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka.

Dezentralisierung unterstützen
Die Bereitschaft zur Impfung gegen das Corona-Virus habe in den letzten Wochen nicht das erhoffte Ausmaß erreicht, stellte Raggl fest und verwies darauf, dass erst rund 62 Prozent der österreichischen Bevölkerung einen umfassenden Impfschutz aufweisen. „Postcorona findet also heute noch nicht statt“, man müsse sich auf ungewisse Monate einstellen. Viele Wirtschaftsbereiche hätten allerdings schon im zweiten Quartal 2021 die Krise hinter sich gelassen, nannte Raggl den Handel, das Bauwesen, die Industrie und die Banken. Gastronomie und Beherbergung hätten dagegen noch einen weiten Weg zum Vorkrisenniveau vor sich. Dennoch zeigte sich Raggl hoffnungsvoll: Vorausgesetzt, die Wintersaison verlaufe ohne große Einschränkungen, könne für dieses und nächstes Jahr eine kräftige Erhöhung des Bruttoinlandsprodukts erwartet werden.
Österreich habe sich durch die Pandemie gewandelt, so Präsident Raggl, „Corona hat vieles verändert“, habe die Gesellschaft in vielen Dingen geeint, aber auch in manchen Aspekten gespalten. „Sie hat aber jedenfalls eine neue Wertschätzung für den ländlichen Raum mit sich gebracht“, sieht Raggl eine neue Chance, die Regionen mit ihrer ländlichen Gemeinschaft, gesunden Umwelt und bäuerlichen Nahversorgung wieder als Wohn- und Arbeitsorte attraktiver zu machen. Nicht zuletzt die schwierige Situation am Wohnungsmarkt in den städtischen Gebieten beschleunige neben des durch Corona mehr akzeptierten „Remote Work“ die Rückbesinnung auf den ländlichen Raum.
Im Sinne einer prosperierenden Wirtschaft und eines guten Angebots an Arbeitsplätzen brauche es daher eine bessere Vernetzung von Stadt und Land, folgerte Raggl. Er bezog sich dabei sowohl auf die Digitalisierung, die vorangetrieben werden müsse, als auch auf den Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Letztlich gehe es darum, am Land in Zeiten der Dezentralisierung eine Chancengleichheit gegenüber der Stadtbevölkerung zu schaffen: „Mehr Fairness für den ländlichen Raum“, ohne das als Gegensatz zwischen Stadt und Land zu sehen.

Chancen für die Landwirtschaft
Eine völlig neue Wertschätzung erlebt durch Corona auch die Landwirtschaft. „Das Bewusstsein für die Bedeutung der Ernährungssouveränität ist seit Beginn der Pandemie stark wie nie zuvor“, so Raggl. Zahlreiche Bäuerinnen und Bauern hätten die Chance erkannt und seien in die Direktvermarktung eingestiegen.
„Um die regionale Lebensmittelversorgung weiterhin zu stärken, muss die verpflichtende Herkunftskennzeichnung von Lebensmitteln forciert werden“, fordert Peter Raggl. Die kommende Kennzeichnung verarbeiteter Lebensmittel sowie die Kennzeichnung in der öffentlichen Verpflegung seien nur ein weiterer Schritt, auch die Gastronomie müsse sich zukünftig zu ihren Produzenten bekennen.

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Bundesratspräsident Dr. Peter Raggl, Direktor des Tiroler Bauernbundes, bei seiner Rede zu den Herausforderungen des ländlichen Raums.