The Day After – der Tag nach Covid-19 – 8 Hypothesen über die Zeit nach Covid-19

20. April 2020

Mein Kommentar in der Presse vom 20.04.2019: 8 Hypothesen über die Zeit nach Covid19


The Day After – der Tag nach Covid-19

Gastkommentar. Acht Hypothesen für die Zeit nach der Bewältigung der Coronakrise. Einiges wird sich ändern, aber sicher nicht alles.
Immer wieder liest man, nach Bewältigung der Krise, ausgelöst durch das Coronavirus Covid-19, würde nichts mehr so sein wie zuvor. Es scheint, dass dabei zu oft die jeweiligen ideologischen Wunschvorstellungen in Voraussagen gepackt werden. Hier ein Versuch einer nüchternen Analyse:

Erstens werden sich einige Sachen ändern, aber bei Weitem nicht so viele, wie sich manche erträumen. Menschen und Systeme haben die natürliche Tendenz, sehr schnell wieder zur gewohnten und Sicherheit gebenden Routine zurückzukehren. Oder wie es der deutsche Philosoph Georg W. F. Hegel treffend sagte: „Was die Erfahrung aber und die Geschichte lehren, ist dieses, dass Völker und Regierungen niemals etwas aus der Geschichte gelernt und nach Lehren, die aus derselben zu ziehen gewesen wären, gehandelt haben“.

Zweitens: Die Analyse von Daten wird definitiv einen (weiteren) Quantensprung nach vorn machen. Die Zusammenführung von Handydaten, Gesichtserkennung, Algorithmen und auch biologischem Monitoring hat in einigen Ländern entscheidend zur Bewältigung des Covid-19-Virus beigetragen. Regime wie jenes von China werden diese gewonnenen Möglichkeiten ganz sicher nicht wieder aus der Hand geben und vielmehr noch weiter vorantreiben.
. . . und apropos China
In den westlichen Ländern werden die rechtsstaatlichen und zivilgesellschaftlichen Institutionen vor der großen Aufgabe stehen, das Kind nicht mit dem Bad auszuschütten. Und zwar in beide Richtungen: Einerseits die durchaus heilsbringenden Möglichkeiten der Datenanalyse zu nutzen und nicht alles zu verteufeln und andererseits aber nicht zu schnell klein beizugeben, wenn der Druck nach mehr staatlichem Zugriff auf die Daten der Bürger immer größer wird, zumal unter dem Titel der Gesundheitsvorsorge.

Drittens und apropos China: Deren Führung hat nach langem Lavieren, Vertuschen und Verleugnen des Covid-19-Virus praktisch im letzten Moment die Kurve gekratzt und durch gewisse Transparenz, Professionalität und drakonische Maßnahmen das Steuer herumgeworfen. Das chinesische Regime hat damit seinen Kopf gerettet und sich nochmals Legitimität verschafft, als nicht demokratischer Staat und einziges Gegenmodell zu unserer westlichen, demokratischen und marktwirtschaftlichen Ordnung. Allein die Erfahrungen der Menschen in China, wie es sich anfühlt, wenn die Industrie und der Verkehr stillstehen – sprich die Tatsache, dass manche Kinder in den Großstädten zum ersten Mal einen blauen Himmel gesehen haben –, werden den Druck auf die chinesische Führung stark erhöhen.

Viertens: Im Iran gibt es eine gewisse Chance, dass das Mullah-Regime letztlich an den desaströsen Folgen der Covid-19- Pandemie in ihrem Land gestürzt wird. Ebenso destabilisierend kann diese Krise auch noch für Russland und die Türkei werden. In manchen Ländern vor allem Afrikas und Südamerikas sind die Folgen noch unabsehbar.
Die europäische Idee retten
Fünftens wird es aber, vor allem in Europa, einige dramatische Änderungen geben. Es gilt, die europäische Idee zu retten, einer Gemeinschaft der Zusammenarbeit, des freien Handels, des Friedens und des Wohlstands. So ehrlich muss man schon sein: Die EU-Institutionen selbst haben in ihrer Rolle der Koordinierung eines gemeinsamen Vorgehens gegen das Virus, einer Abstimmung der Maßnahmen, einer bestmöglichen Allokation der Hilfsmaßnahmen weitgehend versagt. Wenn es einmal dazu gekommen ist, dass von Österreich in Deutschland bestellte und bezahlte und dringend benötigte Hilfsgüter aus politischen Gründen an der Grenze tagelang aufgehalten werden, dann ist Feuer am Dach. Diesbezüglich wird also nichts mehr sein wie zuvor.

Was ist daher zu erwarten? Das ohnehin von vielen EU-Staaten, wie auch Österreich, favorisierte Szenario einer EU der Subsidiarität wird zusätzlichen Antrieb erhalten. Sprich – alles, was auf nationalstaatlicher Ebene geregelt werden kann, wird auch dort geregelt werden. Dazu wird jetzt auch zählen, dass sich alle Staaten individuell auf solche Krisensituationen vorbereiten werden. Das Thema der Autarkie, vor Jahrzehnten noch eines der höchsten Güter in Österreich, wird wieder aktuell werden. Betraf es früher vor allem die heimische Landwirtschaft und die nationale Sicherung der Nahrungsmittel, wird jetzt auch das Thema Krisenvorsorge im Gesundheitssystem dazu zählen. Dazu wird in Österreich auch die Einrichtung einer nationalen Taskforce zählen müssen, die auf nationaler Ebene laufend potenzielle Risken jeder Art evaluiert und die entsprechenden Vorsorgemaßnahmen trifft. Hoffentlich wird dazu in der Zukunft eine bessere und effektivere Koordinierung mit der EU und den europäischen Partnerländern möglich werden.

Sechstens kann wohl gesagt werden, dass sich Bundeskanzler Sebastian Kurz endgültig als hervorragende Führungspersönlichkeit, weit über Österreich hinaus, etabliert hat. Sein professionelles, ruhiges und gleichzeitig entschlossenes Handeln in der Krise hat über alle Partei- und Landesgrenzen hinweg größte Anerkennung gefunden. Das Wort von Sebastian Kurz wird in der EU hinkünftig noch mehr Gewicht haben. Für die Übernahme wichtiger Funktionen auf internationaler Ebene ist er geradezu prädestiniert.
Blut, Schweiß und Tränen

Siebtens wird sehr bald die Zukunft des Euros, der gemeinsamen Währung, auf dem Spiel stehen. Man muss kein großer Experte sein, um zu erahnen, dass jedenfalls Italien, Spanien und womöglich auch Frankreich nach der Bewältigung der Coronakrise Sanierungsfälle sein werden. So wie es heißt, dass man bei Ebbe endgültig sieht, wer im Wasser keine Badehose anhatte. Jedenfalls wird sich die ohnehin schon immer wackelige Finanzsituation Italiens so verschlechtert haben, dass eine Sanierung à la Griechenland anstehen wird. Allerdings ziemlich genau in einer um eine Zehnerpotenz größeren Dimension. Da wird es viel Blood, Sweat and Tears geben.

Achtens: Die Volkswirtschaften der vor der Krise wirtschaftlich gesunden Länder der westlichen Welt und jener Asiens inklusive China werden erstaunlich schnell rebounden. Möglicherweise werden berufliche Reisen aufgrund der Erfahrungen während der Coronakrise ein wenig durch vermehrte Videokonferenzen ersetzt werden. Eher unwahrscheinlich ist eine stärkere Tendenz zum Home-Office, zumal da z. B. in den USA bereits vor einigen Jahren ein Höhepunkt überschritten wurde und das kreative Potenzial des gemeinschaftlichen Arbeitens an einem Ort erkannt wurde. Die Tendenz zum Online-Learning war schon vor der Coronakrise sehr stark und wird sich sicherlich noch fortsetzen.

Last but not least: Die Jahre 2020 und 2021 werden vermutlich besonders starke Geburtenjahrgänge werden. Wahrscheinlich aber auch Jahre, in denen die Scheidungsraten einen großen Sprung machen werden.